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Was Kinder mit ADHS wirklich brauchen: Struktur, Unterstützung und Begleitung

„Über ADHS diskutiert die ganze Welt, aber 95 Prozent haben keine Ahnung davon.“

Mit diesem Satz brachte Kirsten Riedelbauch, Landesgruppenleiterin von ADHS Deutschland Baden-Württemberg, in einem Austausch mit unserem Lerntherapeuten-Netzwerk ein Gefühl auf den Punkt, das viele Eltern kennen: Rund um ADHS gibt es unzählige Meinungen, aber oft wenig fundiertes Wissen.

Kirsten Riedelbauch Landesgruppenleiterin Baden Württemberg des ADHS Deutschland e.V..
Kirsten Riedelbauch, ADHS-Expertin und Landesgruppenleiterin Baden Württemberg des ADHS Deutschland e.V.

Wer mit ihr spricht, merkt schnell, dass hier nicht nur eine ADHS-Expertin spricht, sondern auch eine Mutter von drei Kindern und eine erfahrene Kinderkrankenschwester aus der neonatologischen Intensivpflege. Sie kennt die Herausforderungen einer ADHS-Diagnose aus beruflicher Perspektive und aus dem eigenen Familienalltag. In unserem Gespräch ging es deshalb nicht nur um Medikamente. Sondern um die zentrale Frage: Was brauchen Kinder mit ADHS wirklich, um sich gut entwickeln zu können?

Warum Struktur für Kinder mit ADHS so wichtig ist

Ein Satz von Kirsten Riedelbauch blieb uns im Austausch besonders im Kopf: „ADHS ist ein guter Grund, aber keine gute Entschuldigung.“

Damit beschreibt sie eine Haltung, die für viele Familien zunächst ungewohnt klingt, bei genauerem Hinsehen aber sehr entlastend sein kann. ADHS erklärt vieles: impulsives Verhalten, Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit oder auch starke emotionale Reaktionen. Gleichzeitig bedeutet die Diagnose nicht, dass Entwicklung stehen bleibt oder Kinder nichts lernen können. Im Gegenteil, gerade bei ADHS gibt es viele Möglichkeiten, Kinder im Alltag gezielt zu unterstützen.

Das Gute an ADHS ist auch: Eltern können im Alltag sehr viel bewirken.

Kirsten Riedelbauch betonte im Gespräch, dass ADHS eine Erkrankung ist, bei der Eltern tatsächlich viel Einfluss auf die Rahmenbedingungen haben. Kinder mit ADHS brauchen Verständnis, weil viele ihrer Reaktionen neurologisch mitbedingt sind. Gleichzeitig profitieren sie besonders von klaren Ritualen, wiederkehrenden Abläufen und Strategien im Alltag.

Rituale und feste Abläufe schaffen Vorhersehbarkeit und helfen Kindern, sich im Alltag besser zu orientieren. Klare Absprachen können Konflikte reduzieren, transparente Konsequenzen geben Sicherheit und positive Bestärkung stärkt Motivation und Selbstvertrauen. Gerade Kinder mit ADHS profitieren davon, wenn ihr Alltag verlässlich strukturiert ist und klare Abläufe Orientierung geben.

Medikamente: Zwischen Vorbehalt und präziser Einstellung

Kaum ein Thema wird im Zusammenhang mit ADHS so emotional diskutiert wie Medikamente. Während bei vielen anderen medizinischen Diagnosen kaum grundsätzlich infrage gestellt wird, ob eine medikamentöse Unterstützung sinnvoll sein kann, erleben Eltern im ADHS-Kontext häufig besondere Skepsis, im persönlichen Umfeld, in der Schule oder auch in gesellschaftlichen Debatten. Für viele Familien entsteht dadurch zusätzlicher Druck: die Sorge, eine falsche Entscheidung zu treffen oder sich rechtfertigen zu müssen.

Kirsten Riedelbauch formulierte dazu eine klare Haltung:
Medikamente sind kein Zeichen elterlichen Scheiterns. Sie können, richtig eingesetzt, eine Chance sein. Eine Chance auf mehr innere Ruhe und auf eine bessere Selbststeuerung.

Gerade bei Methylphenidat entscheidet oft nicht das „Ob“, sondern das „Wie gut“. Kirsten Riedelbauch hat uns dazu eine Vorgehensweise beschrieben, die sie als besonders hilfreich erlebt hat, weil sie systematisch ist und nicht nach dem Prinzip „wird schon passen“ läuft.

Wie ADHS-Medikamente eingestellt werden

Die Idee dahinter: Die richtige Dosierung zu finden, ist ein Prozess und kein Einmal-Termin. In einer Praxis, mit der sie zusammenarbeitet, wird die Dosierung in kleinen Schritten aufgebaut, unter enger ärztlicher Anleitung und möglichst in schulfreien Zeiten (z. B. in den Ferien), damit man Wirkung und Nebenwirkungen in Ruhe beobachten kann.

Ganz konkret kann das bedeuten: Eltern starten mit einer vom Arzt vorgegebenen Einstiegsdosis. Nach einem festen Zeitraum (meist etwa eine Stunde nach der Einnahme) wird in klar strukturierten Sequenzen geschaut, wie sich das Kind zeigt, zum Beispiel beim Vorlesen, beim Kopfrechnen und beim Schreiben. Dazu kommen einfache Messpunkte: Fehleranzahl, Tempo, Stimmung, Antrieb. Manche Familien arbeiten mit einem Beobachtungsbogen, andere dokumentieren zusätzlich per Video (wenn alle Beteiligten einverstanden sind).

Am nächsten Tag wird die Dosis – wieder nach ärztlicher Vorgabe – vorsichtig gesteigert. So entsteht über mehrere Tage eine Art „Kurve“: Bei manchen Kindern sieht man einen klaren Bereich, in dem es am besten läuft. Und man sieht oft auch: Zu viel hilft nicht mehr, im Gegenteil. Dann kippt es eher, zum Beispiel emotional flacher, unruhiger, „drüber“ oder mit mehr Nebenwirkungen.

Wichtig ist dabei: Das ist keine „Do-it-yourself“-Methode, sondern ein eng begleitetes Vorgehen, das Zeit, Mitarbeit und eine gut strukturierte Praxis braucht. Kirsten Riedelbauch hat auch genau das betont: Nicht jede Praxis kann diese Art von Präzisions-Einstellung leisten, weil sie ressourcenintensiv ist. Umso hilfreicher ist es, wenn Eltern wissen: Es gibt Wege, die Dosierung sehr gezielt zu finden und sie dürfen das auch aktiv (im Rahmen der ärztlichen Anweisungen) mitbeobachten und mittragen.

Unterschiedliche Präparate und die Rolle der Förderung

Hinzu kommt: Nicht jedes Präparat wirkt bei jedem Kind gleich. Auch wenn viele Medikamente denselben Wirkstoff enthalten, etwa Methylphenidat, unterscheiden sich die Präparate in ihrer Trägersubstanz und in der Art, wie der Wirkstoff im Körper freigesetzt wird. Manche wirken eher kurz, andere über mehrere Stunden hinweg. Deshalb kann es vorkommen, dass ein Präparat gut funktioniert, während ein anderes weniger passend ist. In solchen Fällen kann, in Abstimmung mit der behandelnden Praxis, auch ein Wechsel sinnvoll sein.

Die aktuellen Leitlinien betonen deshalb, dass Wirkung und mögliche Nebenwirkungen in unterschiedlichen Alltagssituationen beobachtet werden sollten – zum Beispiel in der Schule, bei den Hausaufgaben oder in der Freizeit. So lässt sich besser einschätzen, ob ein Medikament tatsächlich unterstützt oder ob Anpassungen nötig sind.

Und aus lerntherapeutischer Sicht bleibt der Punkt wichtig: Medikamente können, wenn sie passend eingestellt sind, Voraussetzungen verbessern (z. B. mehr innere Ruhe, bessere Selbststeuerung, weniger Überforderung). Aber sie ersetzen nicht das Lernen: Kulturtechniken entstehen weiterhin durch Übung, Beziehung und gezielte Förderung.

Elterntrainings können Familien entlasten

Viele Eltern erleben den Alltag mit einem Kind mit ADHS als herausfordernd. Elterntrainings können dabei helfen, Verhalten besser zu verstehen und konkrete Strategien für den Alltag zu entwickeln.

Auch Kirsten Riedelbauch bietet Elterntrainings an. Für viele Familien kann ein solcher Austausch und ganz konkrete Tipps und Impulse eine wichtige Unterstützung sein.

Darüber hinaus bietet ADHS Deutschland e. V. verschiedene Online-Selbsthilfegruppen und virtuelle Infotreffen für Eltern, betroffene Erwachsene und Angehörige an. Weitere Informationen und aktuelle Termine findet man auf der Website von ADHS Deutschland.

ADHS kommt selten allein: Komorbiditäten im Blick behalten

ADHS tritt häufig nicht isoliert auf. Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen können daher auch andere Ursachen haben und sollten genauer betrachtet werden.

In der S3-Leitlinie „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-,Jugend-, und Erwachsenenalters“ (momentan in Überarbeitung) heißt es dazu: „Umschriebene Lernstörungen treten zu 10–25 % komorbid bei ADHS auf.“ (S. 26). Dazu zählen unter anderem Lese-Rechtschreib-Störungen, Rechenstörungen sowie Sprachentwicklungsstörungen.

Für Familien ist diese Information besonders wichtig. Wenn ein Kind mit ADHS große Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben oder Rechnen zeigt, handelt es sich nicht automatisch „nur“ um ein Konzentrationsproblem. Kirsten Riedelbauch formulierte es im Gespräch so:

Kinder mit ADHS können alles lernen!

Gleichzeitig kann es Situationen geben, in denen Kinder zusätzlich Unterstützung brauchen, zum Beispiel dann, wenn neben einer ADHS auch eine Lese-Rechtschreib-Störung oder eine Rechenstörung vorliegt. Eine differenzierte Diagnostik ist deshalb wichtig, damit Kinder neben der Behandlung der ADHS auch bei Bedarf eine passende Förderung der Lernstörung erhalten, zum Beispiel durch eine integrative Lerntherapie.

Vernetzung macht den Unterschied

Der Austausch mit Kirsten Riedelbauch hat uns erneut gezeigt, wie komplex das Thema ADHS ist und wie wichtig fachübergreifende Zusammenarbeit bleibt.

Als Lerntherapeuten erleben wir täglich, wie sehr Struktur, Beziehung und gezielte Förderung Kinder stärken können. Gleichzeitig kennen wir auch die Grenzen unserer Arbeit. Lerntherapie ersetzt weder eine ärztliche Diagnostik noch eine psychotherapeutische Begleitung.

Gerade deshalb ist Vernetzung für uns keine Ergänzung, sondern eine Voraussetzung. Wenn Fachkräfte aus unterschiedlichen Bereichen zusammenarbeiten, entstehen Perspektiven, die Familien im Alltag wirklich unterstützen können.

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Quellen:

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